12. Oktober 2015

The Gun Run

Zum Laufen in Südafrika sind in der Regel die Comrades oder der Two Ocean Marathon der Anlass. Wenn man die familiären Reiseanlässe zeitlich nicht laufkompatibel gestalten kann, muss man eben auf Alternativen ausweichen. Mangels Marathons oder Ultras bot sich einzig der Gun Run in Kapstadt an.

Der Name kommt vom Startschuss, der mit einer Kanone von der Cape Field Artillery abgegeben wird. Mangels realer Kanoneneinsätze schießt die Reservistenkompanie inzwischen ausschließlich zur Eröffnung der hiesigen Landwirtschaftsmesse, der Fußball-WM oder dieses Laufes. Die Kanonenbediener erschienen mir auch nicht unbedingt kriegs- oder lauftauglich aber zumindest Freunde des Siegesbieres zu sein.



Vor dem Start gab es noch allerlei organisatorisch Unbekanntes zu bewältigen. So musste am Rücken eine zweite Nummer befestigt werden, die die zeitweilige Lizenz des hiesigen Leichtathletikverbandes darstellte.

Die größte Herausforderung bot jedoch die Startzeit von 6:30 Uhr. Auch der Lauf von 2 km vom Hotel zum Start überzeugten meinen Körper nicht richtig, dass er jetzt voll arbeiten muss. Bei einer frühen Startzeit zu Ultras wie in Eisenach oder Fröttstädt kann man ja die erste Stunde noch ein läuferisches Nickerchen machen. Bei einem Halbmarathon, was ich wohl noch nicht erwähnte, muss man ja eine Zeit über der Peinlichkeitsschwelle abliefern.

Irgendwann rumste die Kanone wirklich laut und die 5500 Läufer setzten sich in Bewegung. Fehlende Zeitmatten am Start sollten noch von Bedeutung werden. Doch erst mal lief ich locker zügig los, warf immer wieder Blicke auf das Meer und das zum Touristenzentrum umgebaute Hafengelände. Die Uhr zeigte irgendwas um die 5 min/km an - passte so.


Nach 8 km stand meine Familie ungewaschen am Straßenrand und ich war langsam auch munter. Der Streckenplan hatte von nun ab eine Pendelstreck an der Uferpromenade versprochen. Doch was war das? Auf einer Parallelstraße ging es über 2 km immer weiter den Hang hoch. Dafür bot sich an der oberen Verpflegungsstelle ein grandioses Panorama.

 

Nach der Bergpassage hatte ich die 1:45 h, mit der ich liebäugelte, schon abgeschrieben. Doch nach der Wende begann ich die Gesamtzeit zu kalkulieren. Ich bin 1:30 Minuten hinter der Zielzeit von 1:45 h, dazu kommen noch 200 m, die mein Garmin zu wenig anzeigt und die 100 Meter über die 21 km. Man hat ja Zeit zum rechnen, auch wenn bei allem Optimismus das Ergebnis größer als 1:45 h war. Da ich nun wach war, konnte ich noch etwas Gas geben, zumal es nun wirklich flach die wunderschöne Uferpromenade entlang ging.

Der letzte Kilometer zog sich unendlich, zumal es nun deutlich wurde, dass es klappen könnte. Neben dem Fussballstadion der WM 2010, da wo auch zur Eröffnung die Kanone geschossen wurde, befand sich das Ziel. Diesmal vergaß ich nicht die Zeit abzudrücken -1:45:06 h. Knapp daneben, aber auch nicht so schlimm, da die offizielle Bruttozeit noch 32 Sekunden langsamer. Aber ich war ja auch schon mal 10 Minuten schneller, früher halt. Doch Platz 750 von über 5000 klingt doch gut.


Seltsam im Ziel war, dass ich niemand kannte, das hatte ich lange nicht. Auch ein Zielbier erschien mir vor 9 Uhr unangemessen. Dafür hatte ich guten Hunger beim Frühstück.

Eine unverhoffte Pause im familiären Touristikprogramm gestattet am nächsten Abend noch die läuferische Eroberung des Signal Hill zum Sonnenuntergang.


Kommentare:

Lauf Markus hat gesagt…

Läufe in anderen Ländern müssen bei mir auch immer sein. Egal wo es hingeht. Sonst ist es einfach kein Urlaub ;)

Steffen Burkhardt hat gesagt…

Hallo Jörg,
Tolle Gegend, sehr schön beschrieben!

Gruß
Steffen

lizzy hat gesagt…

Vor allem tolle Zeit - angesichts der "Bergpassage" noch mehr, die völlig irre Frühschicht-Startzeit setzt dem ganzen ein Krönchen auf. Obwohl: die richtige Krone ist dort wohl die Landschaft. Sieht ziemlich klasse aus!

Renn-Schnecke hat gesagt…

Ick will och mal unter Palmen laufen ...

LG