15. August 2018

Rennsteigetappenlauf: Ferienlager für Läufer

So ein bisschen ist der Etappenlauf wie ein Kinderferienlager für Erwachsene. Man trifft auf 20-30 Fremde, mit denen man die kommenden Tage verbringt. Die Leiter und Betreuer sind deutlich älter als die Teilnehmer und kümmern sich um alles.

Allerdings kannte ich doch etwa die Hälfte der Teilnehmer, die sich am Montagmorgen in Hörschel am Rennsteigbeginn versammelten. Fast alle waren Wiederholungstäter. Der Ehrenferienlagerleiter Uli erläuterte noch mal kurz das Wichtigste für den heutigen Lauf. Nur das gemeinsame Absingen des Rennsteigliedes musste noch geübt werden.

Tag 1: Hörschel - Kleiner Inselsberg
In der schnellen Gruppe durfte ich eine halbe Stunde später starten. Aber die Mitläufer liefen so schnell los, dass ich Zweifel an der Eingruppierung bekam.

Kurz vor dem Start an der Werra in Hörschel
Zum Glück ließen es Matthias und Bernd auch langsamer angehen und so waren wir zu dritt. Die erste Etappe ist landschaftlich einer der schönen Teile des Rennsteiges mit vielen Ausblicken.
An der Wilden Sau
Besonders schön ist der Ausblick von der Wilden Sau zur Wartburg. Uli hatte bei der Einweisung am Vorabend betont, dass man dort totz lauter Ausblick auch auf die Strecke achten sollte, aber da waren wir nicht dabei.

Wenn es lange bergab geht und kein weißes R mehr auftaucht, ist man falsch. Nach einem Kilometer fiel uns der Ratschlag ein und wir drehten um, den Kammweg wieder zu finden.
An der Hohen Sonne bei Eisenach hatten unsere Ferienlagerhelfer im Pensionsalter die nächste Verpflegungstelle aufgebaut. Von da kannten wir die Strecke vom Supermarathon. An der folgenden Futterstelle verabschiedete ich mich von den beiden, die mir zu langsam wurden.

Die Wegweiser zum Inselsberg zeigten abnehmende Kilometer an und ich überholte noch einige der ersten Gruppe, quälte mich die steilen Anstiege zum Gipfel hoch und den steilen Asphaltweg danach wieder runter.Nach 4:56 war ich an der Grenzwiese. Meine Uhr zeigte 36,5 km, 1138 Höhenmeter und 20 Minuten Pausen an. Bei der Eierlikörtorte auf dem Großen Inselsberg am Nachmittag war dann alles wieder gut.

Tag 2: Kleiner Inselsberg - Oberhof
Sandra hatte sich beklagt, dass sie am ersten Tag allein gelaufen war. Da sie am ersten Tag nur wenig schneller als ich war, jedenfalls wenn man den Umweg abzieht, wollte ich versuchen sie zu begleiten.

14 Grad und Nebel - Traumhaftes Laufwetter
Allerdings lief sie zügig los und ging auch nicht an den Anstiegen. Dagegen ist mein Konzept an den steileren Anstiegen zu gehen, um so Kräfte zu sparen. Nachdem ich mal in den Wald schauen musste, war sie aber weg und ich trottelte so allein die verbleibenden 17 km der heutigen Tagesetappe nach Oberhof. Ich freute mich auf die gut bestückten Verpflegungsstellen und dass es einfacher ging als beim Supermarathon. In Oberhof waren es 28 km, 615 Höhenmeter und nur 11 Minuten Pausen bei den 3:18 Stunden. Zum Kaffee gönnte ich mir heute Mohnkuchen und danach eine Massage.

Tag 3: Oberhof  - Neustadt 
Das Sporthotel hat den Ruf des Thüringer Tourismus gerettet. Hier wurde an der Rezeption und im Restaurant sogar gelächelt! Wie vor zwei Jahren waren die Beine noch erstaunlich frisch. Auch die 16 Grad und der bedeckte Himmel ließen optimale Laufbedingungen erwarten. Wieder versuchte ich mit Sandra zu laufen und konnte sogar an ihr bleiben. Vom Beerberg zum Bahnhof Rennsteig lief ich voran und flog förmlich.

Jörg und Jörg am höchsten Punkt des Laufes
Die Hälfte ist geschafft
Diesmal bummelte ich nicht so lange an den Verpflegungsstellen. Die letzten 5 Kilometer wurde es zäh. Ich folgte der Taktik, bergab Sandra davon zu laufen, damit ich bergan gehen kann. Leider liegt Neustadt auf einem Berg, so dass ich 100 Meter nach ihr den Zielstrich quert. Es waren 27,5 Kilometer mit 522 Höhenmeter für die ich 3:11 Stunden brauchte und nur 7 Minuten pausierte. Im Kaffee Edelweiß probiert ich den Rhabarber-Stachelbeere-Baiser. Man muß auch Dinge wagen, die man sonst meidet.

Tag 4 Neustadt - Spechtsbrunn
Beim letzten Mal war dies die schwerste Etappe für mich - nach drei Tagen waren nun fast 40 Kilometer zu bewältigen. Wieder lief ich mit Sandra los, die beim Laufen erstaunlich ruhig ist, wenn man sie sonst so kennt. Es ging eigentlich ganz gut, doch nach 20 Kilometer wurde es zäher. Außerdem mussten wir immer noch auch das Fernsehteam achten, die uns plötzlich irgendwo filmten - man will doch gut aussehen.

Auch Höhepunkte sind relativ
 Bei Kilometer 25 ließ ich sie ziehen und schaltete in den "Nur-Durchkommen-Modus", der auch gelegentliche Wanderungen erlaubte. Zwischendurch kam ich mit meinem neuen Begleiter Axel noch mal vom rechten Weg ab und besichtigte den Sportplatz in Ernstthal. Mit zwei Mal fragen fanden wir auf den Rennsteig zurück. Es war wohl auch kein Umweg.

Nur noch dort hinunter und dann sind 130 km geschafft!
Die letzten 5 Kilometer ging es nur noch bergab und da ging es auch wieder. Es waren auf meiner Uhr 39,4 Kilometer mit 700 Höhenmeter in 4:51 Stunden. Pflaumenkuchen mit Sahne gab es als Lohn.

Tag 5 Spechtsbrunn - Blankenstein
Diesmal wollte ich mich von Sandra fern halten, hatte meine zutiefst wissenschaftlich - intuitive Laufanalyse ihr die Schuld an meinem Leiden gegeben. Mich immer wieder ranzukämpfen, nachdem sie mir bergan sowas von locker davon läuft, macht mich kaputt - nicht nur mental, auch körperlich.

Nach 4 Kilometern blödelte Sandra noch
In Steinbach am Walde ist man auf der fränkischen Seite, hat die ersten 10 Kilometer weg und ich Sandra weiter an meiner Seite. Danach geht es länger den Berg hoch und ich hatte die Hoffnung sie nie wieder zu sehen, bis zum Ziel jedenfalls.

Die letzten 20 Kilometer des Rennsteiges sind vor allem dadurch schön, dass es bald zu Ende geht. Elend lange kerzengerade Waldautobahnen werden abgelöst durch Wiesenpfade neben Straßen, wo es keinen Schatten mehr gibt. Bei 28 Grad und wolkenlosen Himmel liebt man solche Strecken! Aber die Kilometer wurden doch weniger und irgendwie ging es ab und zu bergab. Wieder einmal erreichte ich Sandra, die mir nun etwas unwirsch deutete, ich solle sie überholen. Nach 165 Kilometern in fünf Tagen war sowieso nicht mehr an eine Anpassung der Laufgeschwindigkeit zu denken - es lief wie die Füße halt so liefen.

Geschafft!
Dann kam auch Blankenstein, die Ferienhelfer im Rentenalter erwarteten die Läufer, Uli drückt akkurat auf die Uhr und Jutta jeden der taumelnden und stinkenden Gestalten - ist das schön. 4:32 Stunden hatte ich für die 39,4 Kilometer mit nur 510 Höhenmeter gebraucht und anschließend keinen Kuchen gefunden.

Falls jemand jetzt den Kram wirklich liest, lasst euch begeistern und versucht es. Natürlich ist es anstrengend, aber dadurch, dass man immer wieder in den Wanderschritt fallen kann, ist es machbar. Was bleibt ist der Stolz, Natureindrücke und ein unvergleichliches Gemeinschaftsgefühl bei allen Teilnehmern und Betreuern. Das Rennsteiglied haben wir zum Abschied mit Inbrunst gesungen. Kein Vergleich zum Brummeln am Start.


Kommentare:

lizzy hat gesagt…

Natürlich habe ich den Kram wirklich gelesen und mich auch begeistern lassen ... zum lesen, staunen, toll finden. Aber garantiert nie dazu, es selber zu versuchen 165km in 5 Tagen mit so vielen Höhenmetern ... das wäre für mich (leider) der totale Größenwahn. Bewunderung und ein bisschen seufziger Neid (ohne Missgunst!) ist dir und allen anderen, die sowas mitmachen und erleben dürfen, gewiss. Und Dank für den Bericht und das Erzählen/Teilhaben-lassen ebenfalls.

Mögen Stolz und Nachgenuss noch lange anhalten!


P. S. meinen „Dank“ für das Absagen des Saarlandtreffens habe ich als Antwort bei mir im Blog formuliert. Das kam mir wirklich mehr als recht.

Markus Maier hat gesagt…

Danke für den ausführlichen Bericht. Dein Tempo entspricht ungefähr meinem Rennsteig-.M-Tempo. Aber eben 5 Tage am stück. Das ist mir noch eine Nummer zu groß. Aber 2020 wartet dann der SM auf mich und wer weiß - vielleicht folge ich dann ja 2025, also kurz vor meinem 50., dem Ruf der Midlife-Crisis und mache mal 5 Tage Speedwandern ;-)

Liebe Grüße aus Leipzig!

Markus

angela hat gesagt…

Herrlich. Habe so geschmunzelt, kenne ich doch die lieben Betreuer und viele der Wiederholungstäter aus eigener Erfahrung. Beide Richtungen haben ihr eigenes Etwas, aber in Blankenstein anzukommen, war doch ganz besonders: da hat Läufer zwei fast 40er Etappen zum Schluß, wobei das Beste ja immer zum Schluß kommt: ein Sektchen oder ein Köstritzer im Tiel. Freue mich schon auf den Mai. Da geht es wieder los ab Eisenach. Da ist die Tagesetappe etwas länger, dafür ist eher Schluß. Am Rennsteig ist jeder Lauf einfach schön! Danke für den tollen Bericht!