8. August 2013

Laufbücher

Läufer wollen nicht nur laufen, sondern auch über ihr Hobby sprechen oder wenn es keiner mehr hören kann, darüber lesen. Neben Internetforen und Blogs gibt es dafür sogar noch so richtige Bücher – also Dinger aus Papier in mehr oder minder festem Einband, auf deren Seiten unveränderlich Buchstaben und manchmal Bilder gedruckt sind.

Mein Spitzenreiter an Unterhaltsamen stammt von Russel Taylor und hat den Titel Looniness of the Long Distance Runner: An Unfit Londoner's Attempt to Run the New York City Marathon from Scratch. Den Reiz dieses kleinen Werkes macht nicht die eigentliche Handlung aus. Dass ein 39jähriger zu laufen beginnt und schließlich beim New-York-Marathon ins Ziel kommt, ist eher banal. Witzig sind jedoch die Alltagsbeobachtungen, die Irrungen und Wirrungen beim Trainingseinstieg, die mit trockenem englischem Humor beschrieben werden. Die Versuche im Fitnessstudio auf einem Laufband zu trainieren, völlig ungeeignete persönliche Trainer zu nutzen oder sich von Wahrsagern die Zielzeit beim Marathon voraussagen zu lassen sind einfach nur komisch. Das Englisch des Buches ist nicht übermäßig komplex und gebraucht kann man das Werk bei Amazon derzeit für 8 Cent erstehen.
Der Titel ist übrigens geklaut. 1959 erschien The Looniness of the Long Distance Runner von Alan Sillitoe, das im proletarischen Milieu in Essex spielt und mancher wohl im Englischunterricht lesen musste.

Von einem ähnlichen Blick für das Detail sind die Laufgeschichten von Heidi Schmitt geprägt, die unter dem Titel Jubiläumsbecher in der Busspur: Laufgeschichten aus der Provinz und von Anderswo als Buch vorliegen. Sie beschreiben den eigenwilligen und sympathischen Kosmos der Volksläufe mit all den netten und seltsamen Läufertypen. Die Texte erzählen von den kleinen Beobachtungen am Rande und haben den "Ach ja"-Effekt. Heidi Schmitt, im Internet als Frau Schmitt bekannt, gewann damit 2013 den Autoren Leipzig Award für das beste Sachbuch, ein Preis für selbstpublizierte Bücher.

Unbedingt lesenswert ist der Roman Trans-Amerika von Tom McNab. In den krisengeplagten Vereinigten Staaten der 30er Jahre starten Läufer aus verschiedenen Ländern zu einem Etappenlauf quer durch den Kontinent. Unterschiedlich waren die Lebenswege der Läufer bisher, die harte Konkurrenten und oft doch aufeinander angewiesen sind. Man fiebert mit, wer wohl den Lauf gewinnt und ob er nicht noch kurz vor dem Ende abgebrochen werden muss. Der Roman schildert nicht nur die Strapazen eines Ultraetappenlaufes, er beschreibt auch komplexe Persönlichkeiten und gibt ein Gemälde der Zeit.

Als ich vor 10 Jahren intensiver zu laufen begann, waren eine Pronotionsstütze in den Schuhen und dicke Dämpfungselemente fast unvermeidlich. Vor wenigen Jahren kippte der Trend um, nachdem die Matratzen unter den Schuhen immer dicker geworden waren. Der aktuelle Trend heißt nun Minimalschuhe, Natural Running oder Barfußlauf, wobei Letzteres von der Industrie nicht gern gesehen wird. Diese Art zu laufen wird teilweise zur Religion erklärt. Die Bibel der Anhänger ist Born to Run: Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt von Christopher McDougall. Bei Amazon wird es als „lebendiges Infotainment über neueste evolutionsbiologische und ethnologische Erkenntnisse mit zahlreichen, inspirierenden Porträts von Menschen, die sich – egal, ob sie zum Spaß das Death Valley durchqueren oder einen Ultramarathon in den Rocky Mountains absolvieren – eines bewahrt haben: die Freude daran, laufen zu können wie ein Kind“ beschrieben. Das bedeutet dann, dass die eigentliche Handlung immer wieder durch seitenlange Abschweifungen unterbrochen wird, in denen vermeintliche wissenschaftliche Erkenntnisse ohne jegliche kritische Auseinandersetzung gebetsmühlenartig wiedergegeben und so zu Glaubensbekenntnissen aufgebaut werden. Diese Glaubensbekenntnisse sind, dass Läufer die glücklichsten Menschen seien und barfuß laufen, alle Schmerzen vertreibt. Ich glaube es nicht und empfand das Buch daher als ungeheuer langatmig und flach.

Eine besondere Spezies sind Krimis, die in der Läuferszene spielen. Den Tödlichen Hermannslauf hatte ich schon einmal im Blog vorgestellt.
Beim Lauf in den Tod von Gerd Fischer werden in der Art der zehn Negerlein, die immer weniger wurden, die Mitglieder einer Frankfurter Laufgruppe brutal ermordet. Dabei versucht der Autor die unterschiedlichen Läufertypen vom apfelweintrinkenden Genussläufer bis zum leistungsorientierten Trainingspedanten darzustellen. Es bleibt jedoch weitgehend bei der Beschreibung der Personen, die in dem kleinen Krimi gar nicht den Platz finden, ihre Charaktere in Handlungen auszuleben. Daher sind die Figuren bis zum Schluss recht schemenhaft. Ganz nett ist das Frankfurter Lokalkolorit als Hintergrund, so dass ich nun weiß, was ein Geribbde ist. Am Ende wird es auch richtig spannend. Als Urlaubslektüre ist der Krimi durchaus geeignet.

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