5. Juli 2011

Pessimismus pur oder 100 km sind gar nicht so schlimm

Dieses Mal musste es schief gehen. Zwei Wochen vor dem Thüringenultra war ich mir sicher. Die beiden Wettkämpfe nach dem Rennsteiglauf waren zuviel. Ich fühlte mich kraftlos und ausgelaugt, dazu kam ein kräftiger Husten, ein schmerzendes Knie und überhaupt. Die drastische Reduzierung des Laufumfangs würde auch nicht mehr helfen.

Am Vortag des Thüringenultras war alles wie weg geblasen, selbst der Wetterbericht sagte mit maximal 15° ideales Wetter für einen 100-km-Lauf voraus. Doch ich war mir sicher, dass ich bestenfalls nach 14 Stunden unter Qualen das Ziel erreicht haben werde, wenn überhaupt. Biel vor einem Jahr in 12:47 h lief einfach zu gut und der Rennsteig im Mai hat mich erinnert, wie schwer ein Ultra ist. Es musste einfach schief gehen.

Seltsamerweise war es kein Problem um 2:20 aus dem Bett zu kommen. In Fröttstädt traf ich die befreundeten, üblichen Verdächtigen, darunter Petra. Sie gehört zu den Läufern, denen meine größte Bewunderung gehört – nicht weil sie so schnell ist. Petra hat spät mit Laufen angefangen und ist kein läuferisches Naturtalent, sondern findet sich eher im hinteren Teil des Feldes. Trotzdem hat sie immer Spaß beim Laufen und wurde in wenigen Jahren zur Ultraläuferin. Da Ramona als Staffelpartnerin ausgefallen war, hatte sie sich kurzfristig auf die 100 km umgemeldet. In 14:12 wird sie ihren Lauf absolviert haben – vor zwei Jahren hat sie in der Staffel noch 7:24 h für die halbe Strecke von 50 km gebraucht.

Der Start in Fröttstädt ist beeindruckend. Man läuft um 4 Uhr zwischen brennenden mannshohen Holzstämmen in den Morgen hinein. Ich schloss mich Achim und Michael an, mit denen ich bei anderen Gelegenheiten schon viele Kilometer zurücklegte. Mit einem Tempo von unter 5:30 min/km waren sie mir aber eindeutig zu schnell und ich ließ sie bald ziehen. Michael wird später das Ziel in beeindruckenden 11:08 h erreicht haben, während Achim 15 min vor mir wieder in Fröttstädt war.

Dafür fand ich Jens, meinen wöchentlichen Laufpartner, der sich zwei Bremsläufer gesucht hatte. Wir liefen gemeinsam in den erwachenden Tag und genossen das Thüringer Vorland und den sich hebenden Nebel in den Waldtälern. Vielleicht wäre ich allein noch etwas defensiver gelaufen, doch ich befürchtete, mich noch viele Kilometer einsam quälen zu müssen und blieb bei Jens. Am langen Anstieg zum Rennsteig unterband Jens Trödeleien, denn er wollte vor der eine Stunde später gestarteten Staffel seines Vereins an der Wechselstelle Ruhlaer Skihütte (km 24) sein. Es war eine Punktlandung, denn als wir an der Verpflegungsstelle standen, wechselte die Staffel.

Nach einem Hygienestopp in den Büschen ließ ich mir Zeit, wieder auf Jens aufzulaufen. Dafür lernte ich Lars kennen, der von der Nordsee zum „Geheimtipp Thüringenultra“ gekommen war. Es war ein schönes Laufen und Schwatzen mit ihm, tickten wir doch läuferisch ganz ähnlich. Sorgen hatte ich nur, dass ich mein Betreuerteam an der Grenzwiese bei km 34 nicht treffen würde, da ich am vorderen Rand des angekündigten Zeitfensters war. Doch sie warteten bereits und hatten mir wunschgemäß einen Kaffee mitgebracht – schließlich war es inzwischen 8 Uhr. Von da an traf ich meine Frau und meinen Vater alle 5-10 km, worauf ich mich immer wieder freute. Dass sie eine Tasche für alle Eventualitiäten dabei hatten, fand ich zudem sehr beruhigend.


An der Verpflegungsstelle traf ich auch Gunter, den Organisator des Laufes, der selbst die 100 Meilen lief und hier schon 100 km in den Beinen hatte. Dafür sah er aber noch unheimlich gut aus – naja, etwas unrasiert schon. Auch Jens hatte ich wieder erreicht. Er jammerte, dass es ihm gerade schwer fällt, und ich wunderte mich, dass ich noch völlig problemfrei war. Doch die Probleme würden noch kommen, da war ich mir sicher. Irgendwann blieb Jens zurück, um dann bergab an uns vorbei zu donnern. Zwischendurch fuhr mir ein großer Schreck in die Knochen, als ich kurz hinter einer Verpflegungsstelle das soeben zu mir Genommene wieder von mir geben mußte. Aber scheinbar hatte ich nur zu schnell getrunken, so dass der Magen es nicht aufnehmen konnte. Jedenfalls war ich in der Lage sofort weiter zu laufen.

In Floh-Seligenthal bei km 51 sah ich Jens das letzte Mal, er würde 13 Minuten vor mir im Ziel sein. Mein neuer Begleiter Lars fing an zu rechnen. Wenn man nach 5:50 hier ist, könnte man unter 12 h im Ziel sein. Solche Überlegungen verwarf ich als ziemlich unrealistisch und erzählte ihm von den erwarteten fürchterlichen Einbrüchen auf dem letzten Drittel.


Steigungen und Abstiege beim Thüringenultra haben die Besonderheit, dass sie im Mittelteil stets kilometerlang sind. Vor Floh -Seligenthal verliert man auf 7 km ca. 400 Höhenmeter, die man sofort nach der dortigen Verpflegungsstelle auf gleicher Entfernung wieder hoch muss. Natürlich gingen wir fast den gesamten Anstieg. Hier spürte ich das erste Mal eine gewisse Erschöpfung, die sich beim Wandern aber wieder verflüchtigte. Hinter der Ebertswiese ging es dann wieder 5 km bergab durch den Splittergrund nach Tambach. Die ist für mich der absolut schönste Teil der Strecke an Felswänden und dem murmelnden Bach entlang. Hatte ich Lars vor der Ebertswiese noch ermuntert, allein schneller zu laufen, war ich es nun, der ihn hinter sich ließ und förmlich das Tal hinunter flog – es war nun kein Marathon mehr. An der Verpflegungsstelle der ähnlich Dialog wie vor dem Berg. Lars spekulierte bei gleichbleibendem Tempo die 12 Stunden zu knacken, während ich die Qualen des letzten Drittels erwartet.

Am nächsten Anstieg ließ ich Lars ziehen, der jetzt das Tempo leicht erhöhte. Er sollte nach 11:42 im Ziel sein und das Wunder verbracht haben, einen negativen Split gelaufen zu sein. Jetzt kann man trefflich spekulieren, ob er noch schneller gewesen wäre, wenn ich ihn nicht gebremst hätte.

Ich fand es jetzt ganz gut, allein zu sein und ging sicherheitshalber den langen flachen Anstieg vor dem Neuen Haus, schließlich galt es den Einbruch zu verhindern. Doch es ging mir noch ganz gut und irgendwie begann ich auch zu kalkulieren – 13 Stunden, meine optimistischste Kalkulation könnte selbst bei einem mittleren Einbruch noch machbar sein. Gunter hatte mal erzählt, dass mancher beim Thüringenultra trotz 2150 Höhenmetern schneller als in Biel war, also schneller als 12:47? Schnell schob ich den Gedanken weg. Die Strecke führte nun von Finsterbergen über Friedrichroda nach Tabarz. Hier bin ich aufgewachsen, hier kenne ich jeden Weg. Allerdings hatte ich viele Anstiege, die ich nun ging, nie als solche wahrgenommen. Eigentlich ist die Strecke nun fast flach. Auf den ebenen Strecken konnte ich weiter ohne Problem laufen und der Garmin zeigt dann auch stets eine Geschwindigkeit unter 6 min/km.

Ich fürchtete mich vor den letzten 15 Kilometern, die relativ öde durch Felder und Wiesen des Thüringer Vorlands gehen. Allerdings hatte ich mir ab km 85 einen Fahrradbegleiter bestellt – so lernt man endlich mal den Freund seiner Tochter kennen. Waren es die immer noch angenehm frischen Temperaturen? Jedenfalls konnte ich problemlos meinen Rhythmus von Gehen an den Anstiegen und Laufen auf den Geraden beibehalten. Das Gespräch mit meinem Radbegleiter lenkte von den Zweifeln ab. Ab Kilometer 90 lief auch meine Tochter mit mir die letzten Kilometer – ich wusste gar nicht, dass sie so weit laufen kann.
 

Die Cheerleader bei der vorletzten Verpflegungsstelle würden mir im Normalfall etwas albern vorkommen – nach 95 km waren sie ein Motivationsschub. Jetzt erst realisierte ich, dass ich nicht nur meine Bestzeit von Biel deutlich unterbieten würde, auch die 12:30 h wären kaum noch zu verfehlen – doch beim Rennsteig kamen die Krämpfe vier Kilometer vor dem Ziel. Den einzigen Einbruch erlebte jedoch mein Garmin, dessen Batterie genau nach 12 h erschöpft war – und nur noch 2 km bis zu Ziel. Der Zieleinlauf war dann fast unspektakulär – ich war einfach da, bekam meine Medaille und den Einlaufzettel, der eine Zeit von 12:11:11 zeigte. Erst später kam das Hochgefühl und zugleich die Überlegung, wo ich die 11 Minuten noch hätte rauslaufen können.

Irgendwie sind 100 km gar nicht so schlimm.

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Lieber Jörg,
ich glaube, du hast zu lange auf den Einbruch gewartet und dabei die 11 min verloren... :)
Nein, im Ernst: Das war megaklasse, wie du da durchgekommen bist! Gell, es ist doch toll, wenn man eine Radbegleitung oder auch eine Laufbegleitung hat. Das beflügelt ungemein. Und wenn dann noch die Lieben an den Verpflegungsstellen stehen, kann doch gar nichts mehr passieren.
Dein Lob macht mich ganz verlegen... Die Zeit von vor 2 Jahren wußte ich gar nicht mehr... Aber wenn ich mir das so ansehe, hat die Lauferei in den letzten beiden Jahren doch viel gebracht. Ich freue mich sehr über Deine Anerkennung!
Viele liebe Grüße
Petra

Thestral hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch zum tollen Lauf! Perfekt gelaufen.

Dein Bericht liest sich so entspannt und motivierend, da bekommt man Lust, so etwas mal zu versuchen.

weinbergschnecke hat gesagt…

Großartig! Mir ging es wie Ralph: Beim Lesen hab ich auch gedacht, wie nett das alles klingt, wie familiär und entspannt. Warum nicht mal 100 km? Na ja, elieber kleine Ziele setzen: Wenn ich mal wieder 10 laufen würde, wär's schon ein Erfolg ;-) .

Gute Erholung weiterhin! Irgendwann fallen die 12 Stunden, wenn nicht beim nächsten Mal, dann später!

Liebe Grüße
Anne

ultraistgut hat gesagt…

" Irgendwie sind 100 km gar nicht so schlimm."

finde ich auch - und dazu noch so nah in deiner Heimat !!

Was sind schon 11 Minuten, Mann ist nie zufrieden mit dem, was man hat !!

Frank hat gesagt…

Gut gemacht Jörg !

War ja wieder mal lustig zu lesen wie Dein Kopf Dich austricksen wollte mit all den vorgeschobenen Wehwechen - also man sieht mal wieder deutlich - unser wichtigster Muskel ist das Gehirn !!!

Beste Grüße
Frank

Sören Schramm hat gesagt…

Hallo Jörg,

geniales Rennen von dir.
Glückwunsch zu dieser tollen Zeit.

Gruß
Sören

lizzy hat gesagt…

Ja WAHNSINN! Herzlichen Glückwunsch!

Jörg hat gesagt…

Ach ihr seid alle lieb. Ich bin selbst noch ganz happy.

Martin hat gesagt…

Wow! Das ist ja der Hammer! Ich kann dich nur zu deiner Leistung beglückwüschen. Wirklich mal wieder großes Kino !

Frank Biermann hat gesagt…

Ein super schöner Bericht von dir und von deiner erbrachten Leistung ganz zu schweigen. Wahnsinn! Damit kannst du wirklich sehr sehr zufrieden sein! Glückwunsch!!

Andreas hat gesagt…

Das macht Spaß zu lesen und motiviert zu laufen, nicht nur diesen Lauf, sondern überhaupt. Deine Einstellung zum Ultra ist beneidenswert: Deine unangstrengte Gelassenheit steht Leistung nicht im Wege.

DANKE für's Laufen und Schreiben,
Andreas