18. Mai 2009

Rennsteig Supermarathon: "Beim ersten Mal tat’s noch weh....

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....beim zweiten Mal nicht mehr so sehr“. Diese Zeilen aus irgendeinem Song gehen mir durch den Kopf, während ich mit einer Cola in der Hand auf der Bank unmittelbar hinter dem Ziel in Schmiedefeld sitze. Ich habe den Supermarathon in 8:58:41 h hinter mir, bin glücklich und zugleich enttäuscht und weiß, ich muss ihn unbedingt noch einmal laufen. Ich muss einfach probieren, ob es auch leichter geht. Irgendwann vor Oberhof, war ich noch ziemlich sicher, dass 60 km die längste für mich sinnvolle Strecke sind. Was war passiert?

Vor zwei Jahren hatte ich Tati im Ziel die Cola gereicht, als sie nach 8:40 glücklich den Supermarathon beendete. Mit Wolfgang verabredete ich, im Jahr 2009 zusammen den Langen zu laufen.

Eisenach (km 0): Am Morgen nach einem hektischen Tag mit kaputtem Auto und Autofahrten quer durch Thüringen stehen wir am Start. Ich habe die dritte Nacht in Folge zu kurz und zu schlecht geschlafen. Dem Kratzen im Hals und dem Herpes an den Lippen habe ich keine Beachtung geschenkt. Doch alles ist vergessen, wir freuen uns auf den Lauf, genießen die Atmosphäre. Ich fühle mich gut vorbereitet, habe zwei Marathons und zwei Sechs-Stunden-Läufe in diesem Jahr bereits absolviert. Wenn nichts Gravierendes passiert, bin ich sicher, anzukommen. Ich rechne mit einer ähnlichen Zeit wie Tati oder Kathrin, die den Lauf im Vorjahr mit 8:30 absolviert haben. Beide laufen in meiner Preisklasse, ihre Berichte habe ich am Vorabend noch einmal studiert.

Glasbachwiese (km18): Es ist Rennsteiglauf, wie er im Buche steht. Plaudernd sind die ersten Kilometer verflogen. Der Präsident des Rennsteiglaufvereins erzählte glücklich von über 2000 Startern beim SM und Gunter von einem Anmelderekord beim Thüringenultra. Ein älterer Läufer berichtete vom ersten Rennsteiglauf, bei dem er einer von vier Startern war. Inzwischen läuft er das 36. mal den Supermarathon. Sein Begleiter hat “erst“ 19 mal die lange Strecke gemacht. Mit 20 Marathons und Ultras ist man hier Frischling.

Großer Inselsberg (km 25): Wir haben nach 2:50 den Gipfel erreicht, der in dichten Wattewolken liegt. Die letzten Kilometer sind mir schwerer gefallen als erwartet. War es die feuchte Luft, die meinen Puls auch beim steilen Bergangehen in ungeahnte Höhen trieb? Ich bin etwas beunruhigt. Später lese ich nach, dass Kathrin sich 10 min mehr Zeit gelassen hatte. Nach dem steilen Abstieg werden wir von unseren Frauen an der Grenzwiese erwartet. Heike stellt fest, dass ich schlecht aussehe. Es reißt mich nicht nieder, ich weiß es.

Heuberghaus (km 31): Ich bin in meiner Heimat. Hier in Friedrichroda bin ich aufgewachsen. Seit dem Inselsberg kenne ich jedes Stück Weg, jeden Hügel im Sommer wie im Winter. Ich genieße das Laufen, das dennoch anstrengt. Ich dränge drauf, noch etwas Tempo rauszunehmen, damit wir gut ankommen. Wir fangen an, auch kleinere Anstiege zu gehen.

Ebertswiese (km 37): Es ist eine dieser buffetähnlichen Verpflegungsstellen. Auch wenn mein Magen sehr stabil ist, verzichte ich auf die angebotenen Würstchen. Ich streue Salz in die Cola, da meine Muskeln zu zucken beginnen. Das ständige Auf und Ab auf den letzten Kilometern hat Kraft gekostet. Ich hatte gehofft, hier noch frischer zu sein.


Neuhöfer Wiesen (km 45); Die Verpflegungsstelle wird von der Bergwacht betrieben, in deren Hütte ich im Winter öfter Rast gemacht habe. Wir sind langsamer geworden, wurden mehr überholt, als wir selbst überholten. Einer Kollegin, die walkte, konnte ich nur mit Mühe den Gruß erwidern. Mein Angebot, dass Wolfgang ohne mich zügiger weiter laufen sollte, lehnt er ab und will glaubhaft machen, das gar nicht zu können.

Grenzadler (km 55); Die letzten Kilometer waren eben und liefen gut. Keine Pfützen zwangen uns mehr zum Slalom. Die Wanderer mit den Startnummern blieben am Rand. Der Nebel ist verflogen und die Sonne scheint immer mal wieder. Mir fällt eine Ultraweisheit ein: „ Es geht nicht immer schlechter, irgendwann wird es auch wieder besser“ Wir sind 6:20 unterwegs und eigentlich im Plan. Kein Gedanke, die Möglichkeit zu nutzen, hier aufzuhören

Rondell (km 57): Kurz bevor wir unsere Frauen wieder treffen, haben mich bisher unbekannte Krämpfe aus der Bahn geworfen. Es begann wie mit Kugelblitzen in den Waden, dann wurde der Oberschenkel hart. Kein Schritt ging mehr, ich musste fast schreien. Nach einigen Minuten dehnen, konnte ich zumindest wieder gehen. Der Versuch zu laufen, wurde sofort mit neuen Krämpfen bestraft. Heike und Gudrun massieren mich. Seltsamerweise ärgere ich mich, bin aber nicht verzweifelt. Ich weiß, auch wenn ich jetzt die 16 km wandere, komme ich an.

Großer Beerberg (km 62): Kein Schritt bin ich seit dem Rondell gelaufen. Ich überrede Wolfgang allein weiter zu laufen, statt mit mir durch den Wald zu spazieren – hoffe selbst noch unter 10 Stunden oder sogar unter 9:30 anzukommen.

Bierfleck (km 69): Seit fünf Kilometern kann ich wieder laufen. Gelegentlich melden sich noch leichte Krämpfe. Ich trinke einen ganzen Becher Köstritzer, gerate fast schon in Euphorie und hoffe, dass ich auch ins Ziel laufen kann. Ich will ins Ziel laufen und nicht gehen!

Kilometerschild 72: Irgendwie wich plötzlich die Kilometrierung von meinem Forerunner etwas ab, die 9 h werden knapp, aber zu erreichen. Ich laufe durch die Gärten- wann kommt endlich der Sportplatz? Da ist er, ich sehe Heike und Gudrun, fange an zu jubeln, zu heulen. Es ist vollbracht.



Kurz hinter dem Ziel (km 72,7): Das erste Mal tat's noch weh......

...und den Bericht von Wolfgang müßt ihr nun auch noch lesen - klick -
Eine Bilddoku vom Lauf gibt es bei Laufspass.com

Kommentare:

Martin hat gesagt…

Es ist der Wahnsinn ! Ich konnte jeden Kilometer spüren, die Schmerzen mitfühlen, auch wenn mir noch 30 km fehlen zu diesem Lauf. Aber jetzt nach deinem Bericht bin ich sicherm ich werde ihn machen!
Danke für deine Moivation und einen rießengroßen Glückwunsch zu deiner Leistung!

Lizzy hat gesagt…

Reichlich verrückt ist das schon, oder?! *g*

Jörg - von mir ganz Herzlichen Glückwunsch!

Vielleicht bzw. hoffentlich treffe ich dich zum Rennsteig im nächsten Jahr (allerdings erst in Schmiedefeld - meine Strecke wäre nach wie vor eine andere ;-)

Erhol' dich gründlich und genieße den Triumph so lange wie möglich!

Monika hat gesagt…

Wolfgang und Du, Ihr seid echt ein sympathisches Team! Kommt in euren Berichten toll rüber.
Total verrückt, mir aber gut verständlich, ist der Wille zum Durchbeißen! Hast wahnsinnig gut gebissen! ;-)

Gratuliere von ganzen Herzen!

LG Monika

Katrin hat gesagt…

Hallo Jörg, ich kann die Emotionen spüren die einen überrollen wenn man solch einen Wahnsinnslauf geschafft hat. Meine herzlichen Glückwünsche dazu! Der Ehrgeiz den Du an den Tag legst diesen Lauf zu schaffen, könnte fast anstecken. Es ist eine super Leistung. Doch für mich wird der Marathon auch die längste Strecke bleiben. Erhol Dich gut und vergiß schnell die Krämpfe..
LG Katrin

Andreas hat gesagt…

Jörg, herzlichen Glückwunsch sowie großen Respekt für Dein Nicht-Unterkriegen! Du hast wirklich den Supermarathon in einem großen Kampf niedergerungen und bezwungen!
Schade nur, dass wir uns bei Deinem Sieg weder im Ziel noch am Start gesehen haben.

Vielleicht klappt's ja damit beim nächsten Rennsteig ...

Lieben Gruß,
Andreas

Running Sunny hat gesagt…

Meinen herzlichen Glückwunsch!
Ich finde es immer klasse, wenn jemand trotz widriger Umstände nicht aufgibt und durchhält!

Eines wundert mich aber!
Bei euren Verpflegungsstationen gab es BIER?
Wolltest dir den Rest der Strecke schön trinken, was?
;-)

ultraistgut hat gesagt…

" fange an zu jubeln, zu heulen. Es ist vollbracht."

Was für ein zu Tränen rührender Satz, diese Situation haben wir Läufer ja alle schon mehrere Male erlebt, Erleichterung, Freude, Glückseligkeit.

" Beim zweiten Mal nicht mehr so ", auch dieser Satz kommt mir sehr bekannt vor, man gewöhnt sich an alles, und der Körper sowieso.

Super durchgebissen, das macht es aus, aufhören kann jeder, durchhalten nicht !

Gut gemacht !

Petra hat gesagt…

Hallo lieber Jörg,

ein toller Bericht! Ich konnte die Schmerzen richtig mitfühlen. Aber Du hast Dich so tapfer durchgekämpft - Du kannst sooo stolz auf Dich sein!
Ich wünsche Dir eine gute Regeneration und dann: Auf ein Neues!
Viele Grüße
Petra

LocalZero hat gesagt…

Gehört doch alles irgendwie dazu, erst schlecht aussehen (schön, dass die weiblichen Fans das dann auch immer so deutlich ausdrücken), dann wirklich schlecht fühlen und irgendwann kommt dann der Punkt, an dem man sicher ist, dass man ins Ziel kommt.

Und dann kommt man wirklich auch ins Ziel!

Gratulation zu diesem schönen Erfolg - und irgendwann muss ich den langen Kanten auch mal laufen. Und irgendwann laufe ich den auch wirklich :-)

Viele Grüße &
Gute Erholung!
Lars

Thestral hat gesagt…

Was für ein K(r)ampf! Du hast Dich durchgebissen und den Rennsteig niedergerungen. Riesenrespekt vor Deiner Leistung. Herzlichen Glückwunsch zur Rennsteig-Premiere!
lG
Ralph

Florian hat gesagt…

Der Flo und Ich, wir gratulieren obgleich wir so eine Tortur nicht nachvollziehen können!
Das Durchhaltevermögen hab ich dann wohl doch eher von der Mama geerbt. ;-)
Aber zwei Damen zum Massieren hätt der Flo auch gern gehabt!

LG
Jule und Flo