8. April 2009

Waldhessenlauf: Sechs Stunden im Kreis

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Als Ultraläufer ist man Teil einer sozialen Randgruppe. Mit sieben Ultras gehöre ich wohl inzwischen dazu. Marathonläufern werden von nichtlaufenden Gesprächspartnern oft solche Fragen gestellt, wie lang denn ein Marathon sei, welchen Platz er belegt habe oder ob er jede Woche laufe. Ultraläufer ernten dagegen nur mitleidsvolle Blicke, falls sie ungefragt erzählen. Von einem Sechs-Stunden-Lauf sollte er tunlichst gar nicht erst berichten, damit ihm nicht endgültig die Zurechnungsfähigkeit abgesprochen wird.


Was sollte man z.B. über den den Sechs-Stunden-Lauf in Rotenburg an der Fulde auch erzählen? Ich könnte berichten, wie abwechslungsreich die Runde von 1145 m durch den Schlosspark und am Fuldaufer wirkt und wie schön es ist, mit all den anderen Läufern immer wieder ein paar Worte zu wechseln, wenn man sich gegenseitig überholt. Erzählen könnte ich von Martin, mit dem ich 35 km zusammen lief, bis ich längere Verpflegungspausen brauchte. Allerdings störte es mich gar nicht, dass meine Frau, Vater und Schwiegereltern mitten im Park auf der Terasse beim Italiener zu Mittag aßen, während ich alle sieben Minuten vorbei lief und mich vorwiegend von Bananen, Schmalzstullen, Wasser und Cola ernährte. Von der intellektuellen Herausforderung könnte ich berichten, 56 Rückenaufdrucke der Mitläufer auswendig zu lernen oder davon, dass ich bei 58,9 km war, als die Schlusssirene ertönte.

Auch die gemeinsame Freude mit allen Mitläufern über die jeweils erreichte Strecke wäre erwähnenswert. Die Blasen an meinen Füßen könnte ich außerdem beschreiben. Ich könnte natürlich auch versuchen den Hauch von Normalität zu erwecken, in dem ich auf die Zwölf-Stunden und die 100 km -Läufer verweise, die die Strecke in der Nacht zurück legten.


Lobeshymnen würde ich singen auf die tolle Organisation in Rotenburg. Aber interessieren würde all dies wahrscheinlich doch nur andere Mitglieder der sozialen Ultrarandgruppe.

Kommentare:

Martinwalkt hat gesagt…

Ganz schön kurzer Bericht. Aber was soll man von Ultrasprintern auch anderes erwarten ;-)

Gruß vom kleinen Helden

Martin

Lizzy hat gesagt…

ach du armer Bursch' *tröst*

Als tolerante Normalofrau habe ich jedenfalls (neben dem vielen Mitleid ;) auch Verständnis für die diskriminierten Minderheiten der Welt *harar*

Wenn ich trotzdem mal fragen dürfte: "58,9 km? Das KANN ja gar nicht gesund sein ;o)" ... Aber weit isses - verdammt weit bzw. viel. So richtig "weit" läuft man ja nicht im Hamsterrad *s*

Herzlichen Glückwunsch, lieber Jörg.

Und der Bericht: toll! Endlich einer, den sogar ich komplett lesen kann und nicht nur überfliege!

Lizzy hat gesagt…

achja - nochwas (sorry, ganz vergessen ;-)

Gute Regeneration wünsch' ich dir und wenn ich richtig lese, willst du als nächstes 12 Stunden bzw. 100km-Läufe mitmachen :-O

Martin hat gesagt…

Ich bin kein Ultra( hoffe aber noch einer zu werden) aber ich finde es klasse! Und Randgruppen haben doch auch was, oder?

katrin hat gesagt…

Warum sollte man auch immer tun was andere tun ;-)? Ich finde diese Leistung auch supi. Gratuliere!
Ansonsten bin ich auch eher für kurze knappe Berichte :-).
Gruß Katrin

ultraistgut hat gesagt…

6 Stunden im Kreis - hört sich für einen Nicht-Läufer wahrscheinlich grausam an, aber wir Läufer schätzen auch kleine Runden, dazu zähle ich mich auch, nicht die Runde zählt, sondern der Spaß am Laufen mit Gleichgesinnten.

Macht Lust !

Petra hat gesagt…

Hi Jörg,

ich als Otto-Normalo-Läuferin betrachte euch Ultras nicht als Randgruppe und spreche euch nicht die Zurechnungsfähigkeit ab... :)) Allerdings stelle ich es mir schon schwer vor, so weit zu laufen....
Naja, 50km will ich ja in diesem Sommer auch schaffen.
Ein schöner Bericht!
Liebe Grüße
Petra

Stefan hat gesagt…

Als Mitglied der gleichen sozialen Randgruppe habe ich es mir inzwischen abgewöhnt, ungefragt über mein Tun zu sprechen, es sei denn ich weiß dass es den Geprächspartner interessiert.
Aber das sind die wenigsten... ;-)

Ja, was soll ich hier sonst noch in den Kommentar schreiben?
Ich könnte schreiben, dass du da eine beachtliche Leistung hingelegt hast [PB wie ich gerade sehe - Extra-Glückwunsch!].
Und dass ich gerne (wieder) dabei gewesen wäre, eben weil auch die Athmosphäre so gut ist. Und dass ich gerne noch ein paar mehr Laufen-Aktuelle kennengelernt hätte.
Aber das würd' ja wahrscheinlich auch kaum jemanden interessieren. ;-)

Ultrafreundliche Grüße
Stefan ("Lauflöwe")

Anett hat gesagt…

Ich glaube, für den Italiener hätteich die Randgruppe mal verlassen;-).
Glückwunsch zur Bestleistung, für mich total unvorstellbar, so eine lange Strecke am Stück zu laufen. Aber ich gehöre auch nicht zur Randgruppe...

...noch nicht!!!

Thestral hat gesagt…

Also, ich bewundere ja die Mitglieder dieser sozialen Randgruppe. Ich finde es auch nicht seltsam, 6 Stunden auf einer relativ kurzen Runde im Kreis zu laufen. Vielleicht liegt das aber auch daran, daß ich insgeheim davon träume, so etwas auch mal zu machen.
Hut ab vor Deiner Leistung, herzlichen Glückwunsch zur neuen Bestmarke!
lG
Ralph